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Textauszug Die frühe Morgensonne tauchte die Bilderbuchidylle in weiches Licht und zauberte auf dem Rhein tief unten im Tal in ein Ornament aus den Farben Orange und Blau. Die Hektik des Tages hatte Eglisau im Zürcher Unterland noch nicht erreicht. Das leise Surren eines automatischen Garagentores ging im Gezwitscher der Vögel unter. Das Städtchen war noch nicht erwacht und der Verkehr auf der Hauptstrasse, die da den Rhein überquert, noch sehr mässig. In bester Laune übersprang Bruno B den niedrigen, weissen Zaun, der seinen grossen Garten von der Garage trennt mit der Leichtigkeit eines trainierten Hobbysportlers. Wäre er etwas musikalischer gewesen, hätte er dabei sicherlich eine fröhliche Melodie vor sich hin gepfiffen. Auch an diesem Tag überkam ihn wie so oft in letzter Zeit ein Gefühl von Zufriedenheit, Glück und Genugtuung, wenn er sich wie an diesem Morgen wieder einmal seine gegenwärtige Lebenssituation vor Augen führte. Das Schicksal hatte es gut mit ihm gemeint, er war rundum zufrieden mit seinem Leben. Davon profitierte seine Familie nicht nur in finanzielle Hinsicht. Bruno B war ein vorbildlicher Vater für seine Kinder und ein exzellenter Ehemann. Dies fiel ihm in seiner blendend guten beruflichen und finanziellen Lage auch nicht schwer, er konnte aus dem Vollen schöpfen. Das Leben präsentierte sich für ihn mit einer Leichtigkeit, die kaum zu übertreffen war und alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass dies auch in Zukunft so bleiben würde. Bruno Bucher steckte trotz mässigem Verkehr mit seinem roten Peugeot 406 etwas später in einer stehenden Autokolonne und wartete mehr oder weniger geduldig bis sich der bunte Tatzelwurm aus Blech vorwärts bewegen würde. Aber die Schlafmütze im Wagen vor ihm hatte es nicht geschafft, das Lichtsignal der Baustelle während der kurzen Grünphase zu passieren und strapazierte die Geduld der hinter ihm in der Kolonne stehenden Pendler, die mit dem Auto zur Arbeit fuhren. Trotz herunter geklappter Sonnenblende musste Bruno B seine Augen zukneifen, um nicht vom Gegenlicht geblendet zu werden. Mitten in langsam aufkeimender Unlust kitzelten aber einige Sonnenstrahlen seine Nase und machten ihn darauf aufmerksam, dass sich dieser Tag punkto äusserer Umstände von seiner besten Seite zeigte. Vogelgezwitscher, das dank abgestellter Motoren bis an die Ohren der im Stau stehenden ungeduldigen Automobilisten drang, verstärkte trotz allem die Illusion einer friedlichen Morgenstimmung. Die Laune des Fahrers im roten Auto war für einen Montagmorgen in der Früh durchaus passabel. Von seinem Wohnort bis zu seiner Firma in der Agglomeration Zürich brauchte Bruno B bei normalen Bedingungen und gewohntem Verkehrsaufkommen mit dem Wagen gut eine halbe Stunde. Er empfand den kurzen und unkomplizierten Arbeitsweg als Privileg und war heilfroh, nicht jeden Tag wertvolle Zeit in Nerven belastenden Staus zu verplempern und im dichten und hektischen Verkehr die City Zürichs durchqueren zu müssen. |
Immer noch in gehobener und dynamischer Stimmung und gar mit einem leisen Lächeln auf den Lippen, stellte er seinen Wagen auf den reservierten Parkplatz vor der zweigeschossigen Firmenliegenschaft ab. Ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag mit Sitzungen und einem Arbeitsessen am Mittag wartete an diesem 25. Juni 2001 auf Bruno B. Die positive Stimmung, die sich auf dem Weg in die Firma noch weiter aufgebaut hatte, hielt während des gesamten Morgens konstant an. Für einen Stimmungswechsel war dann aber ja auch weit und breit kein Grund in Sicht. Rundum lief alles wie am Schnürchen, obwohl sein Geschäftspartner, Fredi Tobler, in den Ferien weilte und temporär die gesamte Verantwortung für die Firma auf seinen Schultern ruhte. Das Unternehmen florierte, die Banken gewährten der Top Security Company fast jeden Kredit, und die 27 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen waren dank guten Arbeitsbedingungen und entsprechenden Gehältern motiviert, sich für ihren Arbeitgeber überdurchschnittlich einzusetzen. Der Blick aus den Fenstern seines grosszügigen Chefbüros im ersten Stock fiel an diesem sonnigen Montag ungehindert auf einen fast wolkenlosen, tiefblauen Himmel. In geschäftlicher Hinsicht war der Ausblick in diesem Frühsommer ebenso ungetrübt. Selbst bei sehr kritischem Hinsehen vermochte niemand auch nur die kleinste dunkle Wolke am geschäftlichen Horizont auszumachen. Privat erlebte Bruno Bucher ebenfalls fast nur eitel Sonnenschein. Er war mit sich, der Welt, und seinem Schicksal, rundum zufrieden. Manchmal war er sich dessen sogar bewusst. Aber er war ja auch ein Sonnyboy der Extraklasse und hätte nie und nimmer ernsthaft den Versuch gemacht zu hinterfragten, weshalb es das Schicksal derart gut mit ihm meinte. Ganz im Gegenteil, er fand, dass er es wirklich verdient hatte, privilegiert behandelt zu werden. Schliesslich hatte er ja auf dem langen und steinigen Weg nach oben mit allen Mitteln um den Erfolg kämpfen müssen. Oft war er gezwungen, alles auf eine Karte setzen und sich auf das sprichwörtliche Glück des Tüchtigen verlassen. So war es schliesslich nicht mehr als gerecht, dass er nach der langen und harten geschäftlichen Aufbauphase seine Erfolge zu geniessen versuchte. Zurück von einem routinemässigen Business-Lunch mit Geschäftspartnern brachte ihm seine Sekretärin ausnahmsweise erst am Nachmittag die Post, weil sie am Morgen einen Termin beim Zahnarzt hatte, der sich infolge Komplikationen hinauszögerte. Inmitten den normalen geschäftlichen Briefschaften fiel Bruno Bucher sofort ein rotes C5-Kuvert auf. Der Hinweis Persönlich über seinem Namen weckte vorerst keinen Argwohn aber immerhin ein gewisses Interesse. Er öffnete rasch den Umschlag und entnahm ihm ein weisses Blatt. Die wenigen Zeilen wirkten auf ihn wie eine Bombendrohung. Er las den Text ein zweites Mal, der dadurch aber auch nicht verständlicher wirkte. Das Schreiben enthielt weder Anrede noch Datum. Der Text lautete:
„Der Wonnemonat Mai 1996 wird Ihnen ganz bestimmt noch in bester Erinnerung sein. Sie und ich wissen im Detail, was damals wirklich geschehen ist. Ich möchte, dass Sie sich ab heute nochmals intensiv mit den Geschehnissen jener Zeit auseinandersetzen. Um die äusserst brisanten Ereignisse wirklich lückenlos rekonstruieren zu können, schlage ich vor, dass wir beide zu diesem Zweck ein ausgeklügeltes Spiel spielen. Es heisst FIL ROUGE. Sie werden in diesem Zusammenhang eine längere Reise unternehmen. Allein ich bestimme wohin sie führt und wie lange sie dauert. Planen Sie Ihre Abwesenheit genau und liefern Sie Ihrer geschäftlichen und privaten Umgebung plausible Gründe für Ihre Abwesenheit. Vergessen Sie nicht, neben den üblichen Reiseutensilien ihr privates Handy mit der speziellen Nummer und ihren Laptop einzupacken, Sie werden diese Hilfsmittel gebrauchen. Sie starten noch heute Abend, verabschieden sich kurz nach dem Nachtessen von Ihrer Familie, und übernachten im Gasthof Kreuz in Steinmaur. Dort erhalten Sie weitere Anweisungen. |
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