inseln

inseln

St. Valerie-en-Caux
Grelles Tageslicht bahnte sich einen Weg durch den schmalen Spalt zwischen den beiden Hälften des schweren, violett-blauen Vorhangs am Fenster des Zimmers mit Blick auf die Rue du Port hinaus. Wie mit langen, blassen und gierigen Fingern tastete sich das Licht erst ein Stück über den Boden mit dem farblich nicht sehr gut assortierten kleinen Teppich zwischen Bett und Fenster, wanderte weiter auf das zerknüllte Duvet und erreichte schliesslich ein Objekt, das entfernt einem menschlichen Kopf ähnlich sah. Aschfahl, mit schwarz-grauen Flecken auf den unrasierten Stellen machte sich das Gesicht auf, den Kampf gegen den Schlaf, die Kopfschmerzen und die Übelkeit anzutreten. Erst gelang es dem linken Auge, sich einen Spalt weit zu öffnen, danach liess sich auch das rechte Augenlid allmählich in die Position „offen“ schieben. Das Antlitz erwachte nach und nach, und die Gehirntätigkeit setzte mit gewisser Verzögerung nach diesem ungemein strapaziösen und langwierigen Vorgang auch langsam wieder ein.

     Das Gesicht schleppte schliesslich den schlaffen Körper hinter sich her ins Badezimmer. Wie blendende Blitze am dunklen, nächtlichen Gewitterhimmel wirkten die drei kurzen Lichtintervalle der Leuchtstoffröhre über dem Spiegelkasten, als sie eingeschaltet wurde. Das kalte, leicht bläuliche Licht leuchtete schonungslos und unbarmherzig das Antlitz, das sich im Spiegel reflektierte, bis ins letzte Detail aus. Es wirkte wie eine zerknüllte Papiertüte undefinierbarer Farbe, auf die eine kindliche Hand Augen, Nase, Mund und Schurrbart gekritzelt hatte. Der Mensch hinter dem Gesicht erschrak ob seines eigenen Anblicks.

     »Ich grüsse dich, Franz Hagmann«, murmelte das Gesicht. »Wie du heute aber wieder aussiehst! Noch vor einigen Jahren hätte der beste Maskenbildner Mühe gehabt, dich künstlich so zu verunstalten, wie du dich heute früh der Welt präsentierst! – Früh? Was für eine Tagesszeit läuft denn im Moment überhaupt gerade ab?«

     Anton Hagmann konsultierte seine Rolex-Armbanduhr am linken Handgelenk. Die Zeiger des elegante Kultgegenstandes, der höchst präzise den unaufhaltsamen Lauf der Zeit protokolliert, standen auf 9 Uhr und 17 Minuten.

     »Also ist es Morgen. Aber an welchem Wochentag, in welcher Woche, in welchem Monat und in welchem Jahr? – Und nicht ganz unwichtig, wo auf der grossen weiten Welt hat eben für mich neuer Tag begonnen?«

     Anton, Franz Hagmann, genannt Toni, stellte sich diese Fragen in vollem Ernst. Vorerst beschränkte sich sein schwammiges und instabiles Erinnerungsvermögen lediglich darauf, die wichtigsten Daten seiner eigenen Persönlichkeit abrufbereit zu halten.

     »Anton, Franz Hagmann, geboren am 11. April 1940 in Zürich«, leierte Toni halblaut herunter, wie wenn er sich jemandem vorstellen müsste. »Ja gewiss, ich weiss haargenau wer ich bin!«

     Er schleppte sich zum Fenster seines Hotelzimmers, zog die schweren Vorhänge zurück, öffnete die metallenen, grau gestrichenen Läden der hohen und schmalen Fenster und riskierte einen vorsichtigen Blick auf die unmittelbare Umgebung, die er von seinem Standpunkt aus zu überblicken vermochte. Nichts kam ihm dabei irgendwie bekannt vor. Seine Blicke registrierten lediglich eine Strasse, die haargenau wie tausende andere in Frankreich wirkte, und keine weiteren Erkenntnisse ermöglichte.

     An der Zimmertür mit den Beschlägen aus Messing hing eine Affiche mit den obligatorischen Angaben betreffend Sicherheit und Fluchtwege im Hotel und ein Anschlag mit den Zimmertarifen. Anhand des Logos auf den Papieren stellte Toni unschwer fest, dass er im Hotel „La Marine“ in St-Valerie-en-Caux abgestiegen war.

     »Der Name des Hotels ist französisch, die Informationen sind in französischer Sprache abgefasst und die Umgebung wirkt französisch auf mich. Ergo bin ich irgendwo in Frankreich gestrandet«, mutmasste Toni messerscharf. »Es stellen sich nun aber die nicht unbedeutenden Fragen: In welchem Teil Frankreichs bin ich gelandet und wie und weshalb kam ich überhaupt hierher?«

     Toni Hagmann erinnerte sich sehr gut und sogar paradoxerweise fast detailgetreu daran, am vergangenen Spätnachmittag stockbesoffen die Hoteltreppe hinuntergefallen zu sein. Mit dem letzten, heftigen Aufprall seines Kopfes auf dem Boden vor der Rezeption endeten jedoch fast alle übrigen Erinnerungen mit einem Schlag. Er begann bei weiteren Versuchen, seine gegenwärtige Situation zu ergründen langsam zu realisieren, dass der Rest seines Erinnerungsvermögens drastisch eingeschränkt, ja sogar praktisch gar nicht mehr vorhanden war. Panik begann sich breit zu machen als er sich mehr und mehr bewusst wurde, sozusagen sein ganzes Bewusstsein und damit auch die gesamte Erinnerung an die Vergangenheit verloren zu haben. Mit knapper Not gaben die grauen Zellen in seinem Gehirn noch die rudimentärsten Angaben zu seiner Person frei, dann aber war Schluss. Bis zu dem Tag, als er in St-Valerie-en-Caux mit einer leichten Gehirnerschütterung in einem Hotelbett und mit den fatalen Folgen seines Sturzes erwachte, waren alle früheren Erinnerungen wie weggewischt. Einfach weg! Wie wenn die Daten auf seiner persönlichen Festplatte endgültig und unwiederbringlich gelöscht worden wären! Die panikartigen , in die er sich nun selber mehr und mehr hineinsteigerte, wirken sich kontraproduktiv aus. Toni Hagmann verspürte Angst, tierische, alles beherrschende Angst!

     Er duschte und rasierte sich, suchte im mittelgrossen schwarzen Lederkoffer auf der wackeligen Ablage nach frischer Wäsche und einem neuen Hemd, zog sich eine hellblaue Hose, band sich eine modische Krawatte um, und war zufrieden mit der Metamorphose eines Clochards zu einem ordentlich gekleideten Menschen, die stufenweise vor seinen staunenden Augen ablief. So gefiel er sich schon wesentlich besser als noch kurz zuvor.

OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO

Paris
Es ging darum, die Machenschaften einiger Kosmetikfirmen aufzudecken, die ihre Produkte trotz Ächtung immer noch mit verbotenen Tierversuchen testeten. Die Spur führte nach Frankreich, wo ein unbekannter Informant bereit war auszupacken, und die Journalisten aus der Schweiz an die relevanten Schauplätze zu führen. Der Überläufer aus dem Kosmetiklager hatte erklärt, aus Sicherheitsgründen lieber nichts mit französischen Medienleuten zu tun zu haben. Weil die Schweiz neutral ist und eine humanitäre Grundhaltung da zur Tradition zählt, kam Monsieur X auf die glorreiche Idee, mit seiner heissen Story an die Schweizer Printmedien zu gelangen. Bis die wirklich brisanten und im Detail belegbaren Verdachtsmomente bei Toni landeten, waren sie aber bereits durch einige Hände gegangen. Alle Chefredaktoren, die damit konfrontiert worden waren, liessen die Sache wie eine siedend heisse Kartoffel sofort fallen und gaben das Dossier an Kollegen ihrer Zunft weiter. Aber keiner wollte sich die Finger daran verbrennen.

     Dies hatte verschiedene Gründe. Für einige Verlage war das Risiko viel zu gross, mit dieser Geschichte eventuell guten Inserenten in die Quere zu kommen und damit einen Inseratestopp zu riskieren. Andere Blätter scheuten das Risiko, einen Skandal zu anzuzetteln, und wieder andere Magazine gaben schlicht und einfach vor, kein Interesse an der Geschichte zu haben.

     Dass die Story wie ein glühendes Eisen hin und her geschoben wurde, band Toni natürlich niemand auf die Nase. Wenn er nur die leiseste Ahnung gehabt hätte, in was für Verstrickungen er sich damit begeben würde, hätte auch er den Auftrag dankend abgelehnt. Toni wurde da in eine Sache verwickelt, die nicht gut ausgehen konnte!

     Er rief einen alten Kumpel in Caën an, der ihm für gewisse Aufgaben behilflich sein sollte. Toni kannte ihn von einigen Pressereisen, die sie zusammen absolviert hatten. Serge Colombier stellte den ersten Kontakt mit dem anonymen Informanten her und organisierte für Toni ein Treffen im Hotel „Les Argonautes“ im Quartier Latin in Paris. Toni hatte beschlossen, die Vorarbeiten und die aufwändigen Recherchen alleine durchzuführen und Claudia erst dann ins Spiel zu bringen, wenn die Sache gewisse Formen angenommen hatte. Ohne den Klotz Claudia am Bein war ihm so oder so viel wohler, und je weniger er sie sah und mit ihr zusammen arbeiten musste, je besser war das für seine Psyche.

     Den ersten Termin in Paris liess der Informant platzen. Dies löste bei Toni eine gewisse Nervosität aus. Er kontaktierte wieder Serge Colombier der sich sofort bereit erklärte, nach Paris zu kommen, und sich aktiv ins Geschehen einzuschalten. Bereits am nächsten Nachmittag traf er ein und stieg ebenfalls im selben Hotel wie Toni ab. Aber trotz allen Versuchen, die Sache in Schwung zu kriegen, lief zwei weitere Tage nichts. Toni war kurz davor, die Sache sausen zu lassen. Aber die Geschichte nahm eine andere Wende. Serge wurde angerufen und kam nach dem Telefonat sehr bleich und verstört an den Tisch zurück.

     »Was ist los«, fragte Toni besorgt. »Hatte das Gespräch etwas mit unserer Story zu tun?«

     »Nein, nein«, murmelte Serge. »Es war meine Frau die anrief, weil ihre Mutter schwer verunfallte und nun plötzlich verstorben ist.«

     Toni wusste, dass ihn Serge brandschwarz anlog. Die Mutter von Sophie Colombier war seines Wissens bereits vor einigen Jahren einem Herzversagen erlegen. Was aber bewog seinen Kumpel dazu, ihn hinters Licht zu führen und ihn zu täuschen? Sicher hatte dies mit dem eben erfolgten Telefon zu tun. Toni wollte unbedingt die Wahrheit herausfinden, aber nicht sofort. Er brauchte Zeit dafür.

     Serge war wieder ganz der Alte, als er Toni informierte dass der Termin mit Monsieur X noch am selben Abend um 20 Uhr nun endlich doch stattfinden würde. Am nahen Boulevard St. Michel tranken die beiden Kumpels am Spätnachmittag Pastis und genossen den schwülwarmen Tag im Schatten der Häuser, Bäume und Sonnenstoren, die das Leben auch im Sommer in der grossen Stadt erträglich machen. Zum Essen wollten sie das kleine Griechische Lokal gleich um die Ecke, nach dem Gespräch mit Monsieur X aufsuchen.

     Nach neun Uhr glaubte Toni nicht mehr an das Zustandekommen eines Rendez-vous mit dem Unbekannten. Der Informant liess aber etwas später aber über die Rezeption ausrichten, dass das Treffen an einem anderen Ort, in St-Valerie-en-Caux, stattfinden würde. Wann war noch nicht zu erfahren. Serge war gleichermassen enttäuscht wie Toni und half tatkräftig mit, den tief sitzenden Frust in einer gehörigen Menge Alkohol zu ertränken. Toni rief Claudia an, erzählte aber nichts von den Problemen mit den Terminen. Er beordert sie für den nächsten Tag nach St-Valerie-en-Caux, ins Hotel „La Marine“.

An der Bar überraschte ihn Serge danach mit einem Glas Moët&Chandon und den Worten: »Man soll die Feste feiern, wie sie fallen.« An dieses letzte Glas mochte er sich noch deutlich erinnern, aber für die Zeit danach gab es keinerlei Erinnerungen mehr.

     Toni brach nach dem Genuss des Champagners an der Hotelbar zusammen. Serge organisierte höchstpersönlich und fast schon übereifrig einen Arzt, der sehr schnell aufkreuzte und nach den ersten Untersuchungen einen Krankenwagen orderte. In Frankreich sind Ambulanzen in der Regel organisiert wie normale Taxiunternehmen. Statt einer Limousine fährt im Bedarfsfall eben einfach ein Ambulanzfahrzeug vor, das den Transport des Patienten wie ein Taxi mit normalen Fahrgästen abwickelt. Bevor Toni Hagmann weggefahren wurde, holte Serge aus seinem Zimmer sämtliches Gepäck, bezahlte die Rechnung und hinterliess an der Rezeption die Adresse einer Klinik in St. Cloud, einem Vorort am Pariser Stadtrand. Vom Personal ahnte natürlich niemand, dass Toni nie und nimmer je an jener Adresse ankommen würde. Zwischen dem Zusammenbruch an der Bar des Hotels „Les Argonautes“ in Paris und dem Erwachen in einem Hotelzimmer in St-Valerie-en-Caux lagen drei Tage. Wo Toni in dieser Zeitspanne zwischengelagert wurde und was da passierte, sollte er nie erfahren.

     Sophie Colombier musste in diesen Tagen tatsächlich doch ein Begräbnis organisieren. Allerdings nicht für ihre Mutter, sondern für ihren Ehemann Serge, der in Paris in einer dunklen Vorortsstrasse morgens um 3 Uhr von einem roten Alfa Romeo überfahren wurde. Er erlag laut Polizeiberichten auf der Stelle seinen Verletzungen. Der offensichtlich betrunkene Fahrer flüchtete ohne anzuhalten und konnte nie eruiert werden.

     Dem Barkeeper im Hotel „Les Argonautes“ in Paris fiel am Abend des Vorfalls mit dem Gast der an der Theke zusammen gebrochen war beim aufräumen ein kleines, braunes Fläschchen mit einem Verschluss der eine Pipette enthält auf. Er öffnete das Gefäss und roch daran. Seine Geschmacksnerven reagierten nicht, er warf es achtlos in den Abfallbehälter und vergass dieses unbedeutende Detail in derselben Sekunde wieder. Er dachte sich wohl, dass es vom Arzt, der den Gast betreute, benutzt worden war.

abschluss bleu