Titel Regensberg

regensberg

Das Laub der Bäume in den stillen Wäldern des Hügelzuges, der sich steil hinter dem Städtchen Regensberg erhebt, wurde mit jedem Tag bunter und bunter. Auf den grünen Wiesen am schattigen Waldrand schimmerten bläulich-violette Herbstzeitlosen und kündeten das Ende des Spätsommers an. Die Tage wurden kürzer und hier und dort legte sich frühmorgens bereits zarter Bodennebel über die Landschaft unten im Tal. Im Ried auf der grossen Ebene, das sich links und rechts eines Flüsschens erstreckte, machten allerlei Zugvögel auf ihrem Weg in wärmere Gefilde im fernen Afrika Rast. Nur die Störche, welche die warme Jahreszeit gerne im Zürcher Unterland verbrachten und da ihre Jungen aufzogen, waren bereits auf dem Weg gen Süden. Die Bauern hatten ihre Ernte längst eingebracht, nur noch ein Teil der Baumfrüchte und die Trauben an den Reben mussten noch geerntet werden. Eine leicht melancholische Stimmung lag über der Burg und dem Flecken Regensberg. Aber es gab trotz den untrügerischen Vorboten des Herbstes, die einen langen, kalten und schneereichen Winter ankündeten, Grund um Fröhlichkeit, Gastlichkeit und Gaumenfreuden zu zelebrieren. In der Oberburg, unweit des wehrhaften Turms und dem Schloss, ging es an einem Samstag gegen Ende September 1244 ungewohnt ausgelassen zu und her. Steinmetze, Maurer, Zimmerleute und andere Handwerker sassen im Garten des Ritterhauses «Engelfrid» fröhlich beisammen und feierten den gelungenen Abschluss der Arbeiten des stattlichen Baus inmitten der Häuserzeile, die das Städtchen Regensberg auf der linken Seite begrenzte.

Der Bauherr, Lütolf V von Regensberg, spendete den Handwerkern aus nah und fern, reichlich süssen Apfelmost, sauren Wein aus der Gegend und sogar etwas Bier aus einem nahen Kloster, Dinkelbrot, Speck und Käse. Mit einem kurzen Gebet bedankte sich ein älterer Zimmermann bei Gott und den entsprechenden Heiligen für den Segen und den Schutz, den die Handwerker über die lang andauernde Bauzeit erfahren durften. Niemand verletzte sich während den schweren Arbeiten ernsthaft oder stürzte gar zu Tode. Einzig der

Maurergeselle Josef Habersack musste gut fünf Wochen vor dem grossen Fest das Zeitliche segnen. Dies hatte jedoch nichts mit dem Bau des Ritterhauses «Engelfrid» zu tun, denn er starb an der häufig auftretenden Krankheit, die Auszehrung genannt wurde. Er hinterliess im Alter von nur gerade 39 Jahren ein Weib und vier eheliche und zwei uneheliche Kinder.

Was für die arbeitende Gesellschaftsschicht genehm war, musste für die Oberschicht schlicht Pflicht sein. Der Bauherr Lütolf V von Regensberg hatte als Nachkomme des Grafen von Mâcon-Montbéliard genügend französisches Blut in den Adern um zu wissen, wie man Festlichkeiten der besonderen Art zelebriert. Die Gästeliste zur Einweihung des Rittersaals «Engelfrid“»durfte sich durchaus sehen lassen. Die Bezeichnung VIP gab es zu dieser Zeit Gott sei Dank noch nicht. Man hatte dazumal die Manie, möglichst viele Begriffe abzukürzen noch nicht so exzessiv betrieben wie heutzutage. Ausserdem war die damals im Zürcher Unterland vorherrschende Sprache noch nicht mit englischen Wortfetzen verschandelt worden. Aber schon damals gab es, und gibt es auch heute noch echte, wie auch selbsternannte «sehr wichtige Persönlichkeiten». Landläufig betitelte man die aufgeblasenen Wichtigtuer und nur ungern gesehenen Gäste, respektlos als notwendiges Übel. Sie brachten schon damals auch die echten VIP’s in Verruf!

Zu den Festivitäten in Regensberg waren unter vielen anderen wichtigen Persönlichkeiten eingeladen: Der Abt Kasimir vom Kloster Rheinau mit Gefolge, die Gräfin Berta von Neuenburg, Ehegattin des Freiherrn Lütolf V, die schöne Maid Gundhilda, Tochter eines Grafen aus Meersburg am Bodensee, und viele illustere Gäste aus der nahen und weiteren Umgebung. Musikanten, Minnesänger und Gaukler bemühten sich, die Festgemeinde währschaft zu unterhalten. Gesinde war genügend vorhanden um die Damen und Herren der edlen Gesellschaft kulinarisch zu verwöhnen und die geladenen Gäste amüsierten sich prächtig. Nur ein Hofnarr fehlte um den mittelalterlichen Event perfekt zu machen. Aber zu jener Zeit gab es ja bekanntlich noch keine Politiker im heutigen Sinn, die problemlos diese Rolle hätten übernehmen können.

 

abschluss bleu