![]() |
|---|
|
Sommer 1974 Dieser Nachmittag begann wie viele andere auch. Wie jeden Mittwoch hatten die Kinder schulfrei. Geri spielte mit seinen Kameraden Fussball auf einer Wiese beim Schulhaus. Das hatte der Abwart zwar streng verboten, aber dies konnte die jungen Talente in ihrem Eifer nicht bremsen. Irgendwann kam es zum Streit, als man sich nicht einigen konnte, ob Gerhard Hafner einen Gegner im Strafraum gefoult habe oder nicht. Damit war das Spiel beendet und die Gruppe zerstreute sich in alle Himmelsrichtungen. Geris Wut auf seine Kollegen und die ganze miese Welt steigerte sich noch zusätzlich, als er zu Hause eintraf. Sein Vater sass mit seiner Lieblingsschülerin Doris Spälti im Garten ihres Reiheneinfamilienhauses und unterhielt sich angeregt mit ihr. Auf dem Tisch standen eine Karaffe mit kaltem Tee, zwei Gläser und ein angebrochener Marmorkuchen, den seine Mutter gebacken hatte. Daneben lagen einige Bücher. Das Verhältnis zwischen dem Gymnasiallehrer und der Schülerin war offensichtlich sehr herzlich und ging weit über die normalen Beziehungen zwischen Pädagogen und Schüler hinaus. Geri verharrte hinter einem Gebüsch und beobachtete hasserfüllt die Szene aus sicherer Distanz. Er konnte zwar nicht hören, was gesprochen wurde, aber sein Vater schien fast vor lauter verständnisvoller Zuneigung zu zerfliessen. Mehr als ein Mal strich er dem Mädchen zärtlich übers Haar und über den Rücken und drückte immer wieder lange ihre Hände. Das war zu viel für Geri. Sein eigener Vater kümmerte sich um die dumme Kuh Doris, wie er es in den letzten Jahren bei seinem einzigen Sohn nie getan hatte. Was er an Demütigungen zu ertragen hatte, ging auf keine Kuhhaut. Verständnis und Zuneigung zeigte Gustav Hafner nur noch für gewisse Schüler aus seinem beruflichen Umfeld und momentan vor allem für diese Doris Spälti. Geri hasste sie abgrundtief und seit diesem Mittwochnachmittag noch viel mehr. Mit ihren Sommersprossen, der doofen Brille und ihren Kuhaugen war die Sechzehnjährige der Schrecken aller Mitschüler, die diese Streberin nicht ausstehen konnten. Erst recht nicht mehr, seit sie von Gustav Hafner so offensichtlich bevorzugt wurde. Der Lehrer nannte dies Förderung eines sehr begabten Mädchens, die Mitschüler und vor allem auch andere Lehrkräfte sahen dies aber aus einer eher anderen Perspektive. Aber niemand mochte einen konkreten Verdacht auszusprechen oder auch nur anzudeuten. Herr Doktor Gustav Hafner war sozusagen unantastbar. Geri zog sich unbemerkt aus seinem Versteck zurück und ging ums Haus herum und nach vorn zur Strasse. Da stand das Auto seines Vaters, auf das sich nun sein ganzer Frust konzentrierte. Er trat mit voller Wucht gegen die rechte vordere Tür, was eine deutliche Delle hinterliess. Danach kam noch die Antenne dran, die er abbrach, und schlussendlich traktierte er auch noch den linken Aussenspiegel. Danach war ihm wohler.
OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO Zürich, Februar 2003 Geri stützte sich schwer mit beiden Armen auf das Waschbecken und starrte in den halb blinden Spiegel. Das Gesicht, das zurückstarrte, war blass und dunkle Ringe unter den Augen liessen es älter aussehen, als es in Wirklichkeit an Jahren auf dem Buckel hatte. Seine Hände verkrampften sich unwillkürlich und umschlossen das kühle Porzellan wie zwei eiserne Schraubstöcke. Nebenan im Pissoir kotzte sich einer die Seele aus dem Leib und fluchte dabei laut vor sich hin. «Mir ist auch zum Kotzen», sagte Geri zum Gesicht im Spiegel. Er erkannte sich nur schemenhaft, denn so hatte er sich selber noch nie gesehen. Das, was ihn da anstarrte, war doch nicht Gerhard Hafner! «Das kann doch höchstens ein kranker Penner sein, der sich meinen Namen angeeignet hat, um damit anzugeben», murmelte er halblaut vor sich hin und fuhr sich mit den Fingern seiner rechten Hand durchs strähnige Haar. Ihm war nach seiner Begegnung mit seiner Tochter Melinda an diesem Nachmittag hundeelend zu Mute. Und dies hatte er umgehend zu ersäufen versucht. «Ich möchte auch ganz einfach alles Schlechte, das sich scheinbar in mir angesammelt hat, herauskotzen können. Aber so einfach geht dies wohl nicht. Die Vergangenheit kann man nicht einfach so mir nichts dir nichts herauskotzen. Leider nicht!» «Was murmelst du da für Scheisszeug», fragte ihn der Mann, der sich eben übergeben hatte. Er wischte sich mit einer Papierserviette den Mund ab und schmiss sie achtlos zu Boden. «Willst du mir etwa blöd vorbeikommen?» «Halt dein dreckiges Maul und lass mich in Frieden», schrie ihn Geri an. «Lass mich bloss in Frieden, sonst kannst du was erleben!» Er ging zurück ins Lokal und setzte sich wieder zu Rudi Roth, der lustlos auf sein leeres Bierglas stierte. Schon auf den ersten Blick stellte er unschwer fest, dass sich Geri in einer miesen Verfassung befand. Er wollte ihm irgendwie helfen, aber wusste nicht wie. Der Wirt brachte zwei grosse Krüge Bier, eins für Rudi und eins für Geri. Je ein Glas mit billigem Fusel lieferte er auf eine entsprechende Geste nach. «Salut.» Rudi hob seinen Bierhumpen hoch und versuchte doch wenigstens etwas fröhlich in die Welt zu gucken, um von der tristen Stimmung abzulenken. «Was ist denn dir über die Leber gekrochen?» Geri zögerte und mochte anfänglich eigentlich gar keine Antwort auf diese Frage geben, überlegte es sich jedoch anders. «Meine Tochter Melinda will nichts mehr mit mir zu tun haben. Sie möchte nichts mehr von ihrem Vater wissen. Das hat sie mir heute Nachmittag deutlich an den Kopf geworfen», würgte er dann schlussendlich heraus. |
«Hast du mit ihr telefoniert?» «Schlimmer, ich wartete auf sie vor dem Goldschmiedeatelier, wo sie arbeitet, und wollte sie in der Mittagszeit sprechen. Sie hat mir mitten auf der Strasse eine riesige Szene gemacht und schrie mich an, ich solle verschwinden und sie in Ruhe lassen. Sie drohte mir, das gesamte Quartier zusammen zu schreien, wenn ich nicht augenblicklich verschwinde. — Ich traute ihr dies wirklich zu und schlich mich weg wie ein geprügelter Hund.» «Das unangekündigte Treffen mit deiner Tochter war ein grober Fehler von dir. So wie du dich gegenüber deiner Familie im Moment aufführst, wundert mich diese Reaktion Melindas kein bisschen. Wenn du wieder Kontakt mit deinen Leuten aufnehmen willst, braucht es schon ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl. Da fällt man nicht einfach mit der Tür ins Haus!» Das Gespräch zwischen den beiden Männern versiegte so unverhofft, wie es begonnen hatte. Sowohl Rudi wie auch Geri hingen ihren eigenen Gedanken nach. Der Mann, der vorhin das Pissoir voll gekotzt hatte, ging ostentativ langsam an Geri vorbei und zeigte ihm den ausgestreckten Mittelfinger, bevor ihn der Wirt höchst unsanft auf die Strasse beförderte. «Hier hast du das letzte Mal die ganze Toilette versaut, du Drecksack», rief er ihm nach und knallte die Tür zu. «Ist doch wahr! Schulden bei mir machen, eine Sauerei veranstalten und erst noch eine grosse Lippe riskieren, das geht nun wirklich nicht. Nicht bei mir!» Niemand achtete auf den Monolog des Wirtes, der sich den ganzen Rest des Abends nicht mehr von seinem Frust erholen konnte. «Weshalb sitze ich eigentlich hier in dieser miesen Kneipe, weshalb habe ich die gesamte Vergangenheit weggeworfen wie ein altes, verschlissenes Kleidungsstück?» Geri schüttelte Rudi an beiden Schultern. «Kannst du mir das verraten?» Er war sichtlich aufgewühlt und musste unbedingt mit jemandem reden. Da war Rudi die beste Adresse. Der konnte zuhören wie kein Zweiter und wusste noch sehr gut Bescheid über das Leben. «Nein, das kann ich nicht. Ich kann nur versuchen, dir zu erklären, wie es im echten Leben eben so zugeht. Rudi Roth machte eine wohl temperierte Kunstpause, bevor er zu einer seiner legendären philosophischen Vorlesungen ansetzte. «Das Leben an sich ein Mysterium und es findet nur scheinbar in der Realität statt. Es ist ein arger Trugschluss, zu glauben, auch nur irgendwas auf dieser Welt spiele sich in der Wirklichkeit ab. Die Wahrheit ist: Es gibt gar kein reales Leben. Aber dieser Irrtum, dass es eine Realität gibt, hat sich über Jahrtausende in den Köpfen der Menschen eingenistet. Alles was rund um uns herum abläuft, alles was in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft geschieht, ist nicht real, geschieht nur virtuell und läuft sozusagen gleichzeitig auf einer einzigen Ebene ab. Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart sind eine in sich selber verschmolzene Einheit. Dies lässt sich alles bequem aus der Relativitätstheorie Albert Einsteins ableiten. Man muss nur den Mut haben, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.» «Virtuell? Ich denke du bist besoffen! Virtuelles Leben, Relativitätstheorie, so ein Quatsch!» «Und doch ist es so, wie ich sage. Jeder Mensch auf Erden, egal auf welchem Kontinent und in welcher gesellschaftlichen Stellung und welcher Religion er eingebunden ist, spielt nur seine ihm zugedachte Rolle im grossen Stück, das manchmal Posse, Drama oder Liebessgeschichte ist. Eine höhere Instanz schreibt permanent an einem unendlichen Drehbuch ohne Anfang und Ende und wir Menschen sind Akteure in diesem Spiel. Wie im Film oder im Theater spielt jeder seine Rolle genau nach den Vorgaben des Regisseurs, der dich herumhopsen lassen kann wie ein Tanzbär, dich im Meer ersaufen lässt oder dich zu den Göttern auf den Gipfeln des Olymp führt. Auch Geri Hafner ist nur eine Marionette, an deren Fäden ein unbekannter und unsichtbarer Meister im Hintergrund die Aktionen steuert. Dagegen kannst du dich auflehnen so lange du willst, es nützt dir nichts. Du musst deine für dich vorgesehene Rolle so gestalten, wie sie im Drehbuch steht, und du bist verpflichtet, deinen Part so perfekt wie möglich zu spielen. Genau so wie er dir vorgegeben wird.» «Manchmal denke ich, du bist wirklich total durchgeknallt.» Geri schüttelte mitleidig seinen Kopf. «Glaubst du wirklich, was du da sagst, oder spielst du dich mit solchen Theorien nur einfach etwas auf, um dich wichtig zu machen und in den Mittelpunkt zu stellen?» «Glaub´, was du willst, ich weiss es besser. Aber spiel´ du deine Rolle so gut du kannst, etwas anderes bleibt dir gar nicht übrig.» «Ich glaube, die entsprechenden Regieanweisungen für den jetzigen Moment lauten für mich: Steh auf, verlass das Lokal und gehe irgendwohin, wo die Leute noch halbwegs normal sind. — Tschüss!» Rudi Roth schaute Geri nach und wollte ihm erst folgen und ihn zurückhalten. Dann überlegte er es sich anders. «Geh du deinen Weg. Es ist gut, dass wir Akteure das Drehbuch nicht kennen und glauben, wir hätten unmittelbaren Einfluss auf die Abläufe in unserem Leben. Früher oder später muss jeder erkennen, dass meine Theorie, meine eigene Relativitätstheorie, richtig ist und wirklich Hand und Fuss hat.» |
|---|---|---|